Pflegeversicherung

Studie zu Schutz- und Risikofaktoren für Pflegebedürftigkeit

Juni 2020

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland steigt jährlich an. Seit 1995 ist sie von 2 Mio. auf inzwischen über 3,4 Mio. angewachsen. Bisher ist noch nicht hinreichend bekannt, wie Pflegebedarf entsteht, welche Faktoren Pflegebedürftigkeit begünstigen oder verzögern können und wie diese sogenannten Risiko- und Schutzfaktoren genau zusammenwirken. Der Erkenntnisstand zu psychischen, sozialen, verhaltens- und umweltbezogenen Einflussfaktoren ist dabei besonders mangelhaft. Eine Studie des GKV-Spitzenverbandes, gefördert über Modellvorhaben zur Weiterentwicklung der Pflegeversicherung nach § 8 Abs. 3 SGB XI, will einen Beitrag dazu leisten, diese Lücke zu schließen.

In einem gemeinsamen Forschungsprojekt starteten die Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Deutsche Zentrum für Altersfragen im März 2018 die Studie „Gesundheitsverläufe im Alter: Wege in die Pflegebedürftigkeit“. Diese geht der Frage nach, welche Faktoren die funktionale Gesundheit beeinflussen und infolge dessen Pflegebedürftigkeit entweder begünstigen oder hinauszögern. Unter funktionaler Gesundheit verstehen die Forschenden die Fähigkeit, Alltagstätigkeiten wie beispielsweise Gehen, Selbstpflege oder Haushaltsführung eigenständig ausüben zu können.

Eine junge und eine ältere Frau mit Rollator gehen vor einer Wohnanlage spazieren

Komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren

Untersuchte Faktoren, die einen nachweislichen Einfluss auf die funktionale Gesundheit und die Entwicklung einer Pflegebedürftigkeit haben, sind beispielsweise das psychische Wohlbefinden, die soziale Integration, der sozioökonomischer Status, aber auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen wir leben.

Ein identifizierter Faktor ist beispielweise das Wohnumfeld. Ein gutes und unterstützendes Wohnumfeld kann körperliche Aktivität Älterer positiv beeinflussen. Gute nachbarschaftliche Beziehungen gelten als Schutzfaktoren, bestenfalls sogar um stationäre Pflege zu verhindern. Umgekehrt beeinflussen ungünstige Bedingungen im Wohnumfeld die körperliche Funktionsfähigkeit und die Erholung von körperlichen Beeinträchtigungen negativ. Das Wohnen in sozial benachteiligten Gebieten kann als Risikofaktor für die Entstehung von Pflegebedürftigkeit angesehen werden.

Daten des Alterssurvey und der Medizinischen Dienste gemeinsam analysiert

Die Studie stützt sich auf eine umfangreiche Literaturrecherche. Erstmals werden darüber hinaus Längsschnittdaten des Deutschen Alterssurveys und Querschnittsdaten des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung gemeinsam analysiert. In der Zusammenschau der Befunde aus beiden Datensätzen ist es möglich, Erkenntnisse über die Wege in die Pflegebedürftigkeit zu gewinnen, die eine hohe Relevanz für die Weiterentwicklung der Pflegeversicherung haben. Der GKV-Spitzenverband bewertet die Relevanz dieser Grundlagenstudie als sehr hoch. Auf Basis der Ergebnisse können zukünftig noch passgenauere Präventions- und Interventionsmaßnahmen im Bereich Pflegebedürftigkeit entwickelt werden. Der Endbericht der Studie wird für den August 2021 erwartet. (mar)